Den Zündschlüssel des Mietwagens drehen. Das Gebläse der Klimaanlage verstummt. Die Gedanken noch bei der wunderschönen, kurvenreichen Strasse die zu diesem nördlichsten Punkt führt. Es geht eine Weile, bis ich angekommen bin. Mir kommt es vor, wie ich mit dieser Reise einen Schlussstrich unter den momentanen Lebensabschnitt ziehe. Ich öffne die Tür und steige aus in die drückende Hitze. Wie ferngesteuert zieht es mich zum Hafen hin, nordwärts, wo ich ein kleines Restaurant mit Schatten und efeubewachsener Wand finde. Ein kurzer prüfender Blick. Ich setz mich an einen der kleinen Tische in den Mittagsschattens. Erst jetzt entdecke ich auf der gegenüberliegenden Seite das eigentliche Speiserestaurant wo getafelt wird. Mittagessenszeit. Ein Uhr. Immer wieder überqueren Angestellte des Restaurants, beladene Serviertabletts in der Hand, die schmale Hafenstrasse.
Wieder ein Fremder. Ein Gast oder Passant? Vorbei die Tage, wo ich noch um jeden oder jede dahergelaufene Person oder Gruppe hofierte. Wo ich sie bewarb, um sie buhlte, um meinem Ziel, dem grossen Traum einwenig näher zu kommen. Was will er? Zieht er weiter oder bleibt er hängen? Ach, er setzt sich an das äusserste Tischchen. Ist gut wenn es läuft. Aber irgendwie mag ich nicht mehr. Sehne mich nach dem Saisonende. Zum Glück machen meine zwei Jungs die Hauptarbeit. Eigenartig wie das Leben spielt. Wie kam ich nur vor zwanzig Jahren auf die Idee Nordland zu verlassen? Er sieht sympathisch aus der Neue. Nichts von Arroganz.
Hm! Ist der rauchende blonde Mann die Bedienung? Nach hinten gekämmtes Haar mit zugekniffenen Augen. Zu untypisch für einen Einheimischen. Schlank mit Zigarette im Mundwinkel. Sein Gesicht erinnert mich an jemanden aus der Filmszene. Ich bin wirklich irritiert. Er kommt. Was drinke ich?
„Guten Tag, was darfs sein?“. Muss schön sein, sich so bedienen zu lassen. Ach, wenn doch nur der Nordwind blasen würde. An diese unerträgliche Hitze hab ich mich all die Jahre nie gewöhnt. Auf der Insel gibt es nur Extreme. Sturm oder Flaute, Sauhitze oder Regenzeit, Überschwemmung von Touristen oder öde Leere und Einsamkeit, Geld oder Schulden. Dieses Kap ist eines der vielen Enden der Welt. zru.biz Wo gestrandete nie wirklich heimisch werden. Ja. im Winter gehen wir uns manchmal auf die Nerven. Öd! Einsam! Das habe ich mir damals nicht so vorgestellt. Nach der Saison bleiben nur noch meine Familie und zwei, drei andere. Alles diesem verlassenen Platz und seinen Wetterlaunen überlassen. Verlässlicher Orientierungspunkt in Winternächten ist nur noch der Leuchtturm auf der Insel. Er weist den Weg in meine alte Heimat, nach Nordland. Heimat? Ist dass das richtige Wort? Gehört mein Herz meiner Herkunft? Nach all den Jahren kein echter Inselbewohner und auch kein Nordländer mehr. Im Winter am Verzweifeln, meist nahe am Durchdrehen, im Sommer am Überarbeiten. Als Freude bleibt nur der Erfolg des Geschäfts, wenn Gäste mit meinem, unserem Angebot zufrieden sind.
“Ein Kaffee bitte!“ Warum zögere ich? Ach ja etwas Durstlöschendes könnte ich noch nehmen.„Und ein Hahnenwasser dazu.“ Die haben es schön hier! War das nordländisch vorhin? Ja, das könnte sein. Nordländer würde passen. Sicher kein Inselbewohner. Muss deprimierend sein, immer für andere da zu sein. Und doch macht er seine Arbeit mit Würde. Scheint der Besitzer zu sein. Jetzt kommt er! Was hat er vorhin beim servieren gesagt? Er führe fünf verschiedene Kaffeesorten. Qawe sei das Ursprungswort aus dem Arabischen aus dem sich Kaffee ableite. Kaffee sei in Äthiopien entdeckt worden. Bauern haben beobachtet, dass ihre Ziegen vom Kaffeestrauch die roten Bohnen assen. Sie blieben dadurch länger wach. Folglich mussten die roten Beeren dieser Pflanze anregend sein. Sein Lieblingskaffee sei derjenige aus Äthiopien, den er heute serviert. Ich mag ihn, den redseeligen Wirt und dieses schwarze Getränk.
Schon wieder dieses Geräusch. Schlurfen. Er zieht sein Bein leicht nach. Verletzt oder ist ihm das Bein vom vielen rumhocken eingeschlafen? Wie kommt man an einem solch verlassenen Ort zum Arzt. Das nächste Spital mit dem Auto Stunden entfernt? Ja, wenn er so dasitzt und seine Zigaretten raucht, meine ich im Blick ein Gemisch Sorge und Sehnsucht zu entdecken?
Das Leben ist eigenartig. Entscheidung, Schicksal oder Fügung. Starke Worte. Wer ist der Regisseur? Die Zeit führt mich immer wieder in Unbekanntes. Was ist Kern des Lebens? Damals, es war in der Disco, oben in meiner Heimatstadt, als ich mich entschied zu gehen. Die Lebensperspektiven am Nullpunkt. Fühlte mich einsam und in jungen Jahren schon gescheitert. Für mich war klar, dass ich den Ort und das Land verlassen musste oder in meiner Unentschlossenheit untergehen. Der Nebel, die bleichen Gesichter, meine Geldsorgen. Damals war ich noch auf Musik fixiert, bis ich entdeckte, dass ich auch kochen kann. Die einzigen Freuden des Alltags. Wenn das Geld reichte, lud ich Freunde ein um sie zu bekochen. Wusste noch nicht, dass meine berufliche Bestimmung darin verborgen lag. Damals an diesen Abenden lernte ich meine Frau, kennen. Sie kommt von hier, von dieser Insel. Darum wurde für mich schnell klar, dass ich in die Fremde fliehen würde. War mir nicht bewusst, dass ich die Sehnsucht nach Ferne mit Fremdsein eintauschte. War die Entscheidung richtig? Es scheint, dass der Erfolg meiner Gaststätte dem Entscheid recht gibt. Andererseits bin ich doch abgerackert und desillusioniert. Schmerzen im Bein und der Zwang zu einem Glas Klaren. Und dann?
Manchmal fühle ich mich den vorbeiziehenden Touristen näher als meinen Eigenen. Hier Immer noch ein Fremder. Ist es das, was ich ein Leben lang suchte?
„Ach so, Kleingeld“. Wie kann ich das noch ins Reine bringen? Ständig diese Ausgaben. Und mein Arbeitsplatz in der Redaktion unsicher. Vor drei Wochen sprachen alle von einer Sparrunde. Manche sagen es sei nur Angstmacherei. Diejenigen die bleiben, erhalten den Kick gebraucht zu werden. Etwas darzustellen. Als ob man noch nichts aus früheren Krisen gelernt hätte, wechselt man Personal wie die Unterwäsche. Schöner wär’s ein paar Gäste im eigenen Restaurant zu bedienen. Weg vom Stress. Die hier haben ja sowieso einen beneidenswerten Lebensrhythmus. Nach jedem Gast wieder ein Rauchpause oder einen kleinen Schwatz. Lege das Kleingeld auf den Tisch. Manchmal fühle ich mich wie ein Schiff das im nebligen Winterwetter um dieses Kap steuert und den einzigen Leuchtturm da draussen als Orientierungspunkt hat. Wenn ich denke, all diese Probleme alleine bewältigen zu müssen. Werde ich auch diese Klippen schaffen? Also zahlen und den Rest der Ferien geniessen.
Bleiben noch drei Stunden bis zur Abendschicht. Morgen ist Ruhetag und hoffentlich endlich Entspannung. Will heissen, wenn die Gesundheit mitmacht. Vielleicht muss ich ja wieder in die Stadt zum Untersuch wie damals vor drei Jahren. Es wurden zehn lange Tage. Hoffe auf Besserung. Er geht. Abräumen und auch verschwinden. Was war das? Mein ich’s nur oder bläst der Nordwind?
M.S.
