Sopro-Atem

Sopro, vom Brasilianer Marcos Pimentel, ist ein ruhiger, sehr einnehmender Film, in dem nichts mehr oder weniger als das Leben schlechthin dargestellt wird. Spektakular unspektakulär. Sopro heisst Atem und Atem ist Leben. Der Rhythmus des Atems wird über die Schnittfolge subtil vorgegeben. Vom Hauch bis zum kräftigen Windstoss, von der wirbelnden Staubwolke bis zur gleissend, drückenden Luft sind alle Zustände unserer Atmosphäre präsent. Archetypische Motive wechseln sich ab und weben langsam während dreiundsiebzig Minuten ein Bild eines verlassenen, aber zentrierten Flecken Erde im innern Brasiliens. Ein ländliches Dorfleben, eingebetet in eine Hügellandschaft in Mina Gerais ist Schauplatz, wie er an vielen Orten auf der Erde zu finden wäre. Es geht um werden, sein und vergehen. Ob es die Naturelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde oder die Generationen, der Kreis von Kinder bis zum Greisenalter eines Lebewesens gezeigt wird, kommt beides sehr ungezwungen und selbstverständlich daher. Die Menschen, obwohl ich sie nicht kenne, sind mir vertraut. Sie sind mir lieb. Ihr Schicksal, oder die Botschaft des Films ist durch sie irgendwie ablesbar. Die Lebenszeit ist begrenzt.

Vision du Réel: Marcos Pimentel: 01:13: 2013: Brazil

Seltsam wie das Leben spielt

 

Den Zündschlüssel des Mietwagens drehen. Das Gebläse der Klimaanlage verstummt. Die Gedanken noch bei der wunderschönen, kurvenreichen Strasse die zu diesem nördlichsten Punkt führt. Es geht eine Weile, bis ich angekommen bin. Mir kommt es vor, wie ich mit dieser Reise einen Schlussstrich unter den momentanen Lebensabschnitt ziehe. Ich öffne die Tür und steige aus in die drückende Hitze. Wie ferngesteuert zieht es mich zum Hafen hin, nordwärts, wo ich ein kleines Restaurant mit Schatten und efeubewachsener Wand finde. Ein kurzer prüfender Blick. Ich setz mich an einen der kleinen Tische in den Mittagsschattens. Erst jetzt entdecke ich auf der gegenüberliegenden Seite das eigentliche Speiserestaurant wo getafelt wird. Mittagessenszeit. Ein Uhr. Immer wieder überqueren Angestellte des Restaurants, beladene Serviertabletts in der Hand, die schmale Hafenstrasse.

 

Wieder ein Fremder. Ein Gast oder Passant? Vorbei die Tage, wo ich noch um jeden oder jede dahergelaufene Person oder Gruppe hofierte. Wo ich sie bewarb, um sie buhlte, um meinem Ziel, dem grossen Traum einwenig näher zu kommen. Was will er? Zieht er weiter oder bleibt er hängen? Ach, er setzt sich an das äusserste Tischchen. Ist gut wenn es läuft. Aber irgendwie mag ich nicht mehr. Sehne mich nach dem Saisonende. Zum Glück machen meine zwei Jungs die Hauptarbeit. Eigenartig wie das Leben spielt. Wie kam ich nur vor zwanzig Jahren auf die Idee Nordland zu verlassen? Er sieht sympathisch aus der Neue. Nichts von Arroganz.

 

Hm! Ist der rauchende blonde Mann die Bedienung? Nach hinten gekämmtes Haar mit zugekniffenen Augen. Zu untypisch für einen Einheimischen. Schlank mit Zigarette im Mundwinkel. Sein Gesicht erinnert mich an jemanden aus der Filmszene. Ich bin wirklich irritiert. Er kommt. Was drinke ich?

 

„Guten Tag, was darfs sein?“. Muss schön sein, sich so bedienen zu lassen. Ach, wenn doch nur der Nordwind blasen würde. An diese unerträgliche Hitze hab ich mich all die Jahre nie gewöhnt. Auf der Insel gibt es nur Extreme. Sturm oder Flaute, Sauhitze oder Regenzeit, Überschwemmung von Touristen oder öde Leere und Einsamkeit, Geld oder Schulden. Dieses Kap ist eines der vielen Enden der Welt. zru.biz Wo gestrandete nie wirklich heimisch werden. Ja. im Winter gehen wir uns manchmal auf die Nerven. Öd! Einsam! Das habe ich mir damals nicht so vorgestellt. Nach der Saison bleiben nur noch meine Familie und zwei, drei andere. Alles diesem verlassenen Platz und seinen Wetterlaunen überlassen. Verlässlicher Orientierungspunkt in Winternächten ist nur noch der Leuchtturm auf der Insel. Er weist den Weg in meine alte Heimat, nach Nordland. Heimat? Ist dass das richtige Wort? Gehört mein Herz meiner Herkunft? Nach all den Jahren kein echter Inselbewohner und auch kein Nordländer mehr. Im Winter am Verzweifeln, meist nahe am Durchdrehen, im Sommer am Überarbeiten. Als Freude bleibt nur der Erfolg des Geschäfts, wenn Gäste mit meinem, unserem Angebot zufrieden sind.

 

“Ein Kaffee bitte!“ Warum zögere ich? Ach ja etwas Durstlöschendes könnte ich noch nehmen.„Und ein Hahnenwasser dazu.“ Die haben es schön hier! War das nordländisch vorhin? Ja, das könnte sein. Nordländer würde passen. Sicher kein Inselbewohner. Muss deprimierend sein, immer für andere da zu sein. Und doch macht er seine Arbeit mit Würde. Scheint der Besitzer zu sein. Jetzt kommt er! Was hat er vorhin beim servieren gesagt? Er führe fünf verschiedene Kaffeesorten. Qawe sei das Ursprungswort aus dem Arabischen aus dem sich Kaffee ableite. Kaffee sei in Äthiopien entdeckt worden.  Bauern haben beobachtet, dass ihre Ziegen vom Kaffeestrauch die roten Bohnen assen. Sie blieben dadurch länger wach. Folglich mussten die roten Beeren dieser Pflanze anregend sein. Sein Lieblingskaffee sei derjenige aus Äthiopien, den er heute serviert. Ich mag ihn, den redseeligen Wirt und dieses schwarze Getränk.

Schon wieder dieses Geräusch. Schlurfen. Er zieht sein Bein leicht nach. Verletzt oder ist ihm das Bein vom vielen rumhocken eingeschlafen? Wie kommt man an einem solch verlassenen Ort zum Arzt. Das nächste Spital mit dem Auto Stunden entfernt? Ja, wenn er so dasitzt und seine Zigaretten raucht, meine ich im Blick ein Gemisch Sorge und Sehnsucht zu entdecken?

 

Das Leben ist eigenartig. Entscheidung, Schicksal oder Fügung. Starke Worte. Wer ist der Regisseur? Die Zeit führt mich immer wieder in Unbekanntes. Was ist Kern des Lebens? Damals, es war in der Disco, oben in meiner Heimatstadt, als ich mich entschied zu gehen. Die Lebensperspektiven am Nullpunkt. Fühlte mich einsam und in jungen Jahren schon gescheitert. Für mich war klar, dass ich den Ort und das Land verlassen musste oder in meiner Unentschlossenheit untergehen. Der Nebel, die bleichen Gesichter, meine Geldsorgen. Damals war ich noch auf Musik fixiert, bis ich entdeckte, dass ich auch kochen kann. Die einzigen Freuden des Alltags. Wenn das Geld reichte, lud ich Freunde ein um sie zu bekochen. Wusste noch nicht, dass meine berufliche Bestimmung darin verborgen lag. Damals an diesen Abenden lernte ich meine Frau, kennen. Sie kommt von hier, von dieser Insel. Darum wurde für mich schnell klar, dass ich in die Fremde fliehen würde. War mir nicht bewusst, dass ich die Sehnsucht nach Ferne mit Fremdsein eintauschte. War die Entscheidung richtig? Es scheint, dass der Erfolg meiner Gaststätte dem Entscheid recht gibt. Andererseits bin ich doch abgerackert und desillusioniert. Schmerzen im Bein und der Zwang zu einem Glas Klaren. Und dann?

Manchmal fühle ich mich den vorbeiziehenden Touristen näher als meinen Eigenen. Hier Immer noch ein Fremder. Ist es das, was ich ein Leben lang suchte?

 

„Ach so, Kleingeld“. Wie kann ich das noch ins Reine bringen? Ständig diese Ausgaben. Und mein Arbeitsplatz in der Redaktion unsicher. Vor drei Wochen sprachen alle von einer Sparrunde. Manche sagen es sei nur Angstmacherei. Diejenigen die bleiben, erhalten den Kick gebraucht zu werden. Etwas darzustellen. Als ob man noch nichts aus früheren Krisen gelernt hätte, wechselt man Personal wie die Unterwäsche. Schöner wär’s ein paar Gäste im eigenen Restaurant zu bedienen. Weg vom Stress. Die hier haben ja sowieso einen beneidenswerten Lebensrhythmus. Nach jedem Gast wieder ein Rauchpause oder einen kleinen Schwatz. Lege das Kleingeld auf den Tisch. Manchmal  fühle ich mich wie ein Schiff das im nebligen Winterwetter um dieses Kap steuert und den einzigen Leuchtturm da draussen als Orientierungspunkt hat. Wenn ich denke, all diese Probleme alleine bewältigen zu müssen. Werde ich auch diese Klippen schaffen? Also zahlen und den Rest der Ferien geniessen.

 

Bleiben noch drei Stunden bis zur Abendschicht. Morgen ist Ruhetag und hoffentlich endlich Entspannung. Will heissen, wenn die Gesundheit mitmacht. Vielleicht muss ich ja wieder in die Stadt zum Untersuch wie damals vor drei Jahren. Es wurden zehn  lange Tage. Hoffe auf Besserung. Er geht. Abräumen und auch verschwinden. Was war das? Mein ich’s nur oder bläst der Nordwind? 

M.S.

La maleta del volantin

der Drachen

“La maleta del volantin“

Schon von der Brücke aus konnten wir die kleinen farbigen Flächen am Stadthimmel hängen sehen. Kleine Rechtecke, die zwischen den Hochhäusern hin und her schwankten. Ich spürte ein leichter, warmer Wind um mein Gesicht säuseln. Nach zehn Minuten Fahrt standen wir vor der alten Stadionruine und ketteten unsere Fahrräder an Eisenstagen fest. Ein konstanter, warmer Wind blies. Als wir den Schutthügel der ehemaligen Tribünen erklommen, sahen wir auf dem asphaltierten Platz überall kleine Gruppen stehen, wie Streusel über einen Kuchen verteilt.

Weit hinten stand ein kleiner Mann, schwarz gekleidet, mit Mütze und Sonnenbrille. Mit festem Griff hielt er eine grosse Rolle Garn in seiner rechten Hand, den Blick an einen entfernten Punkt im Osten gerichtet. 
Ich fühlte mich durch die Gelassenheit die diese Person ausstrahlte angezogen und merkte bald, dass sein Papierdrachen der weitaus Entfernteste am windigen Himmel war. Nach einer Weile ging ich auf die Person zu. Beim Annähern bemerkte ich auf dem schwarzen T-Shirt den weissen Stern auf blauem Grund, ergänzt mit rot weissen Flächen. Auf dem Rücken stand “venceremos”. Mir war sofort klar, dass er ein Chilene sein musste.

Windiges Wetter mit leuchtend blauem Himmel versetzt mich oft zurück in die Zeit meiner Südamerikareise. Das ist eine Zeit in der ich mich mit meinem Kollegen einfach durch die Weiten Argentiniens, Chiles und Brasiliens treiben liess. Eine Zeit innerer und äusserer Freiheiten und einer Ungebundenheit die den Alltag bestimmte. Ein wunderbares Gefühl. Dort, wo ich fremdartige Landschaften und Kulturen, verschlossene und offene Menschen entdecken konnte.

Ich spreche ihn an, stelle mich vor. Eduardo, entgegnet er. Und er kommt tatsächlich aus Chile. Lebt aber auch schon länger in der Schweiz. Ob denn unser Land überhaupt geeignet sei um Drachen fliegen zu lassen? Ich hatte starke Vorurteile den böigen Windverhältnissen der Schweizer Landschaft und konnte mir nur schwer vorstellen, dass ein Chilene der den Wind vom Pazifik und der Anden kennt, gefallen an unseren zarten Luftstössen hat. Eduardo korrigierte meine falschen Vorstellungen und sein Beweis hing etwa achthundert Meter entfernt in der Luft. Sehr stabil und konstant.  Bereits seit mehr als eine Stunde.

Plötzlich schrie er spanisch über den Platz und ich bemerkte eine in ein grünes Shirt gekleidete, langhaarige Person. Ein Kollege. Ein Landsmann der ebenfalls einen Drachen führte. Allerdings hatte er zu kämpfen. Er war nur halb so weit entfernt. Die beiden Drachen kamen sich kurz sehr nahe und die Schnüre drohten sich zu überkreuzen. Solche Momente konnten schnell einen Absturz der Windspiele bedeuten. Eine Intervention von Eduardo war wichtig. Er war derjenige mit der jahrelangen Erfahrung und wusste seinen voltina geschickt aus der Gefahrenzone zu manöverieren. Nach kurzer Zeit war die Situation wieder unter Kontrolle.

In Chile spielen Leute gerne mit Drachen. Eduardo gehörte einem Drachenclub an. Da kam mir ein Zitat aus Patrizio Guzman’s film „Nostalgia de la luz“ in den Sinn, in dem es ums Universum und unverarbeitete Geschehnisse aus der Pinochet Diktatur geht. Dort wird gesagt, dass viele Chilenen gerne den Sternhimmel beobachten, den nächtlichen Blick ins Universum lieben. Es scheint, wie die Bewohner von Chile, immer den Naturkräften stark ausgesetzt, Wind und Sterne als Elemente der Sehnsucht, intensiv lieben und sie in Gedichte und ihren Alltag einbinden. 
Ich habe viele Chilenen als ruhige, ja sogar stille, oft in sich gekehrte und herzliche Menschen kennengelernt. Steht’s mit einer Spur tiefer Traurigkeit vermischt.

Eduardo kann nun seiner Schnur wieder ruhig folgen.  Zwischendurch entdeckte ich Glück, Zufriedenheit und etwas Stolz in seinen Gesichtszügen. Da wieder ein kleiner Windstoss und ich teilte plötzlich diese Empfindungen seiner Passion. Die Zeit begann sich zu dehnen. Der sonnige Nachmittag schien sich in der eigenen Wahrnehmung zu dehnen. Dieses Gefühl ist stets mit Zufriedenheit gepaart.
 Es waren Stadien, in denen die Regimekritiker Pinochets zusammengetrieben, gefangen gehalten und massakriert wurden. Dieses Stadion in dem wir uns befanden, wurde niedergerissen um später einmal einem Neuen zu weichen. Santiagos Stadien stehen noch. Doch die Schreckenszeit der Diktatur Chiles ist endlich, mit vielen unverheilten Wunden, vorbei. In diesem Sinn ist es ein starkes Bild einen „hombre de chile“ in niedergerissenen Stadionmauern stehen zu sehen. Darin steht er mit seiner Lebensgeschichte und  einer äusserst verletzlichen Seidenpapierfläche. Einem Membran der alle sphärischen Bewegungen aufnimmt. Wer weiss, welchen Luftstössen und Strömungen er noch weiter aussetzet sein wird.

Eduardo schlenderte mit seiner Kurbel in der Hand über den Platz um seinen schwarzen Holzkoffer zu holen. Als er achtzehn war, hat er sich dieses Holzbehältnis gemacht. Seither begleiteten ihn alle seine fragilen Fluggeräte, eingepackt in diesen Sperrholzkoffer, rund um die Welt.
 Diese Box ist eine Metapher fürs Leben.

MS

Projektionen

Lichtquellen

 

Jerome wachte mitten in der Nacht auf. Das war ungewöhnlich, denn sonst war er es, Jerome, der immer durchschlief und Yolanda die sich immer im Bett wälzte. Yolanda, die nur kurz tief durchatmete, drehte sich ab und schlief weiter. Nun lag er da und begann nachzudenken. Die Gedanken pendelten von der Arbeit die ihn momentan beschäftigte, zu den letzten Feiertagen, die aussergewöhnlich erholsam waren. Plötzlich störte ihn, dass die Fenster, die schrägen Dachfenster,  geschlossen waren. Er schlief nach Möglichkeit immer gerne mit frischer Luft. So stand er kurz auf und nahm sich die Gelegenheit aus dem Gedankenkarussell auszubrechen. Jerome schaute durch den kleinen Schlitz hinaus und beobachtete kurz was sich im Quartier in der Dunkelheit abspielte. Er sah der Schatten einer Katze die unter der Strassenlaterne durchhuschte. Da war noch das rauschen vereinzelter Fahrzeuge von der entfernteren Hauptstrasse. Er begab sich wieder ins Bett. Unentwegt musste er auf die abgeschrägte Dachfläche schauen unter der er und Yolanda lag. Fünf Lichtflächen, schmale Schlitze, reflektierten auf der Holzdecke. Zwei waren versetzt und leuchteten ziemlich stark. Drei waren schwächer und matt. Die Dachschräge trennte Innenseite von Aussenseite. Irgendwie irritierte ihn das. Da war doch nur eine Öffnung und gleichwohl gab es fünf Abbilder. Es mussten also fünf Lichtquellen direkt Moneygram money order durchs Fenster leuchten. Das Ganze liess ihn an Platons Höhlengleichnis erinnern. Der Dachfensterschlitz, die Öffnung zur Aussenwelt war so zu sagen der Höhleneingang. Fünf Aussenlichter glichen fünf unabhängigen  Instanzen. War das Daunendeckenphilosophie oder war in der Nacht mehr Freiheit im Denken erlaubt. Wieder bewegte sich Yolanda kurz. Wachte sie etwa auch auf? Das wollte er vermeiden da ihm die Gedankengänge gefielen und er nicht gestört werden wollte. Jerome schaute auf den Wecker. Eigenartig. Er lag nun bereits Dreiviertelstunden wach. Die Augen waren immer noch offen. Wie war das schon wieder mit Platon? Die Wirklichkeit des Lebens spielt sich vor der Höhle ab und das Selbst erfährt nur die Projektion, das Abbild der Wirklichkeit. Er wusste nicht, ob er sich ab den  Gedankenspielen freuen sollte oder ob seine Schlaflosigkeit Grund zur Sorge bot.

MS

Amulett

Amulett

Sebastian, der seine Gruppenfahrkarte eben gerade dem Buschauffeur gezeigt hat, geht schwankend den Gang des fahrenden Linienbusses entlang und setzt sich Hassan und Roberto gegenüber hin. Er, der Klassenlehrer einer Aufnahmeklasse, war unterwegs mit seinen Jugendlichen ins Museum. Fünfzehn Schüler mussten Sebastian und Aishe, die Begleiterin, im Auge behalten. Wenn er mit seiner Klasse unterwegs war, bedeutete das immer leichte Anspannung und Stress. Er hatte kein lockeres Verhältnis zu Verantwortung.

Sie fuhren dem Bahnhof entgegen und er fand noch ein bisschen Zeit um mit Hassan, dem neuen Schüler zu sprechen. Hassan ist Flüchtling aus Afghanistan, aus einem Dorf nahe der Grenze zu Tadschikistan. Gebrochen ist sein Deutsch und der gedrungene, junge Ausländer, mit mongolischen Gesichtszügen, ist eher ein lebhafter Schüler. Seine Augen funkelten vor Freude. Was ging wohl in seinem Gedanken vor?

Sebastian fällt das rostbraune Amulett des Neuen auf. Beiläufig, um ein Gepräch in Gang zu bringen, stellt er eine Frage zum Halsschmuck. Hassan dreht das rechteckige Schmuckstück das an einem dünnen Lederband hängt, um und zeigt auf die fein ziselierte Inschrift. Das sei ein Vers eines Dichters, gibt er zu verstehen. Hassan war unbegleitet. Das heisst, dass er alleine durch fremde Länder floh, nur auf sich gestellt, den Goodwill anderer und auf seine Intuition zählen konnte. Mit seinen fünfzehn Jahren hat er vermutlich von der Welt schon mehr gesehen als mancher von uns. Er hat es geschafft. Ist nun hier in einem der Wunschländer. Ist er nun Glücklich? Alleine von Afghanistan über zahlreiche Stationen in die Schweiz geflüchtet. Was heisst geflohen. Verschoben? Gestrandet? Von Schleppern hierhin in die Schweiz gebracht. Nun ist er der vierte Monat in der Schweiz, der zweite Monat in seiner Klasse. Er, Sebastian, findet Hassan sympathisch, obwohl er von Lehrerkollegen immer wieder von Schwierigkeiten seines Verhaltens erfährt. Sein listiger Blick wirkt erfrischend und stellt oft alltägliches in Frage.

Ja es ist ein Geschenk von seiner Mutter, das Amulett. Ist sie auch geflohen? Er entgegnet kurz und seine Stimme klingt plötzlich dunkel: „Nein, sie musste zurückbleiben“.

Lebt sie noch? Genau das wäre die nächste Frage gewesen. Sie war zu intim. Erst recht in diesem öffentlichen Raum. Da Hassan jetzt mit Tränen kämpft, bemerkt Sebastian mit Unbehagen, dass er in diesem Moment schweigen muss. Er hat für einen kurzen Moment unbeabsichtigt einen Lebensnerv getroffen. War er zu nahe getreten? Doch da! Von neuem wechselt der Gesichtsausdruck. Hassans traurige Blicke werden plötzlich wieder von seinem herausfordernden Optimismus überdeckt. Seine Hand hält erneut das Amulett und streichelt es mit seinen Fingerspitzen.

Der Bus biegt um die letzte Kurve vor der Bahnhofseinfahrt. Sebastian gibt sich einen Ruck und erinnert sich an die Ausstellung und den Zweck der Fahrt. „Alle zusammenbleiben und auf Perron 5 besammeln“, presst er immer noch verwirrt heraus.

MS

 

Verwehungen

St.Exupery

Nathan lief den Hügel hoch und auf die Anhöhe, von der man die ganze Stadt, in der er wohnte, überblicken konnte. Er ging eine wenig befahrene Strasse entlang. Auf der linken Seite zog sich eine zwanzig Meter lange Abschrankung aus weissem Kunststoffverschlag, der einen Bauplatz umrahmte, in die Länge. Dieser bot Sprayern aus dem naheliegenden Schulhaus eine ideale Projektionsfläche. Der Blick des Passanten schweifte über die Sujets. Zwei Motive zogen die Aufmerksamkeit schnell auf sich. Da war diese Wäscheleine. Eine Leine wie man sie heute selten mehr im Freien sieht. Die Kleider, ein Shirt, Hosen und ein Tuch im imaginierten Wind wehend. Dieser Luftstrom der zqp.biz die Kleidungsstücke anhebt blies durch seinen Kopf. Das Bild weckte ein Gefühl von vergangenen Zeiten in ihm. Dieses Gefühl war tief. Das andere Bild, ein Flugzeug, ein Doppeldecker aus den Anfängen der Luftfahrt. Er driftet ab, bemerkt nicht, dass er ohne nach links und rechts zu schauen über die Strasse, auf die Wand zugeht. Seine Gedanken kehren zurück in den Süden Südamerikas, wo er vor zwanzig Jahren verlassene Gegenden in Argentinien und Chile bereiste. Typisch für den Süden Amerikas sind die meistens tagelang anhaltenden Winde. „Nachtflug“ von Saint-Exupery, diese Geschichte über den Postdienst in Patagonien, war die packende Lektüre zur Reise. Ein Land das seinen grossen Distanzen wegen, am schnellsten mit dem Flugzeug durchmessen werden konnte. Nathan selbst bereiste die Gegend mit Zug- und Busfahrten. Saint-Exupery war für ihn ein Vorbild für entfesselte Abenteuerlust. Der Autor  verstand es vorzüglich seine Helden das Äusserste abgewinnen zu lassen. Durch das schrille Klingeln von zwei nahende Fahrräder wieder aus seinen Reiserinnerungen geworfen, fand sich Nathan als Verkehrshindernis wieder. Er stand mitten in der Strasse und musste sich kurz fassen, bis er abdrehte und weiterlief. Nach mehreren Schritten Richtung Süden, kehrte er nochmals zurück, nahm sein Handy zur Hand und hielt einige der Sprayereien fest. Eine merkwürdige Frage beschäftigte ihn. Wie hast du dir damals das Leben vorgestellt, als du in über die Weiten des fernen Landes gereist bist? Und vor allem, was ist aus diesen Ideen über die Zukunft geworden? Welche Pläne und Träume verwirklichten sich, welche Wünsche gingen nie in Erfüllung?

Wäsche verweht

MS