Amulett

Amulett

Sebastian, der seine Gruppenfahrkarte eben gerade dem Buschauffeur gezeigt hat, geht schwankend den Gang des fahrenden Linienbusses entlang und setzt sich Hassan und Roberto gegenüber hin. Er, der Klassenlehrer einer Aufnahmeklasse, war unterwegs mit seinen Jugendlichen ins Museum. Fünfzehn Schüler mussten Sebastian und Aishe, die Begleiterin, im Auge behalten. Wenn er mit seiner Klasse unterwegs war, bedeutete das immer leichte Anspannung und Stress. Er hatte kein lockeres Verhältnis zu Verantwortung.

Sie fuhren dem Bahnhof entgegen und er fand noch ein bisschen Zeit um mit Hassan, dem neuen Schüler zu sprechen. Hassan ist Flüchtling aus Afghanistan, aus einem Dorf nahe der Grenze zu Tadschikistan. Gebrochen ist sein Deutsch und der gedrungene, junge Ausländer, mit mongolischen Gesichtszügen, ist eher ein lebhafter Schüler. Seine Augen funkelten vor Freude. Was ging wohl in seinem Gedanken vor?

Sebastian fällt das rostbraune Amulett des Neuen auf. Beiläufig, um ein Gepräch in Gang zu bringen, stellt er eine Frage zum Halsschmuck. Hassan dreht das rechteckige Schmuckstück das an einem dünnen Lederband hängt, um und zeigt auf die fein ziselierte Inschrift. Das sei ein Vers eines Dichters, gibt er zu verstehen. Hassan war unbegleitet. Das heisst, dass er alleine durch fremde Länder floh, nur auf sich gestellt, den Goodwill anderer und auf seine Intuition zählen konnte. Mit seinen fünfzehn Jahren hat er vermutlich von der Welt schon mehr gesehen als mancher von uns. Er hat es geschafft. Ist nun hier in einem der Wunschländer. Ist er nun Glücklich? Alleine von Afghanistan über zahlreiche Stationen in die Schweiz geflüchtet. Was heisst geflohen. Verschoben? Gestrandet? Von Schleppern hierhin in die Schweiz gebracht. Nun ist er der vierte Monat in der Schweiz, der zweite Monat in seiner Klasse. Er, Sebastian, findet Hassan sympathisch, obwohl er von Lehrerkollegen immer wieder von Schwierigkeiten seines Verhaltens erfährt. Sein listiger Blick wirkt erfrischend und stellt oft alltägliches in Frage.

Ja es ist ein Geschenk von seiner Mutter, das Amulett. Ist sie auch geflohen? Er entgegnet kurz und seine Stimme klingt plötzlich dunkel: „Nein, sie musste zurückbleiben“.

Lebt sie noch? Genau das wäre die nächste Frage gewesen. Sie war zu intim. Erst recht in diesem öffentlichen Raum. Da Hassan jetzt mit Tränen kämpft, bemerkt Sebastian mit Unbehagen, dass er in diesem Moment schweigen muss. Er hat für einen kurzen Moment unbeabsichtigt einen Lebensnerv getroffen. War er zu nahe getreten? Doch da! Von neuem wechselt der Gesichtsausdruck. Hassans traurige Blicke werden plötzlich wieder von seinem herausfordernden Optimismus überdeckt. Seine Hand hält erneut das Amulett und streichelt es mit seinen Fingerspitzen.

Der Bus biegt um die letzte Kurve vor der Bahnhofseinfahrt. Sebastian gibt sich einen Ruck und erinnert sich an die Ausstellung und den Zweck der Fahrt. „Alle zusammenbleiben und auf Perron 5 besammeln“, presst er immer noch verwirrt heraus.

MS